Van Dit un Dat un over Minsken un hör Wark in Ostfreesland. Aber ok 'n bietje Gedöns un Saken van Nahbers

Dienstag, 22. Februar 2011

Ich habe abgeschrieben

© gcroth

Die Gelegenheit ist günstig, der Blick ruht auf Personen öffentlichen Interesses. Das nutze ich aus und oute mich in deren Schatten, wo kaum jemand diese Banalität wahrnehmen wird: Ich habe auch abgeschrieben. Mehrmals. Ich war zu faul oder wusste es einfach nicht besser, deshalb habe ich immer wieder einmal abgeschrieben: Die Mathehausaufgaben.

Lieber K.H.,
ich denke, es ist mittlerweile so viel Zeit vergangen, dass es Zeit ist, jetzt mit der Wahrheit herauszurücken. Du warst der fleißigste, zuverlässigste Schüler, bei dem ich immer mal wieder die Mathehausaufgaben abschreiben durfte, für die mir einfach die Zeit fehlte. Das habe ich dir bis heute nicht vergessen und bin immer noch dankbar dafür. So sehr, dass ich meinen Kindern und Enkelkindern von Dir erzählt habe, wenn sie verzweifelt mit den Hausaufgaben kämpften: Wie oft lief ich spät nachmittags schnell über die Straße, in der verzweifelten Hoffnung, dass ich dein Herz erweichen könnte und du mich retten würdest. Und wirklich, du hattest ein großes Herz und hast mir fast immer aus der Patsche geholfen, hast sogar versucht, mich in die jeweilige Materie einzuweihen, damit ich meine Hausaufgaben selber machen konnte. Du konntest nicht wissen, dass ich dir nicht zuhören konnte, sowenig, wie ich in der Schule den ermüdenden Monologen einiger  Lehrer folgen konnte. Denn ich träumte ja! Immerzu saß ich auf meinem ungemütlichen Schulstuhl und während mein Blick sich starr in das Mathebuch bohrte, liefen Geschichten durch meinen Kopf. Geschichten von Tieren, Kindern und Abenteuern, die ich hätte erleben können, Geschichten von Wiesen und Weiden, vom Wasser, von der Sonne und wunderlichen Geschöpfen mit magischen Kräften, von Kühen und Schweinen, deren Sprache ich verstand … wenn, ja wenn ich nicht gezwungen gewesen wäre, tagein, tagaus viele qualvolle Stunden in der Schule herumzusitzen.

Lieber K.H., wenn du diese Zeilen zufällig lesen solltest, dann nimm es mir bitte nicht übel, dass ich dieses Geheimnis verraten habe. Du bist deinen Weg erfolgreich gegangen, wie ich meinen, wir haben die Schule überlebt, jeder auf seine Weise und jeder mit seinen eigenen Schrammen. Du hattest immer das bessere Zeugnis aber du hattes ja auch immer deine Hausaufgaben.

Sicher war dein Weg der letzten vierzig Jahre deshalb auch gradliniger als meiner. Dennoch sind wir beide irgendwie im Jahr 2011 angekommen. Beide sind wir lebensklüger geworden seit damals und das Leben hat uns mit allem versorgt, was wir brauchten. Und ich bin mir sicher, dass einige unsere damaligen Lehrer jetzt gerade schmunzelnd auf einer Wolke sitzen, denn spätestens dort oben dürften sie erkannt haben, dass etwas weniger Stress im Umgang mit dem Lehrplan und etwas mehr Kreativität im Unterricht, vielleicht sogar solche Träumer wie mich, dazu gebracht hätten, die eine oder andere Mathehausaufgabe mit Freude selber zu machen.

Ich wünsche mir, dass alle Schüler, die einen K.H. brauchen, auch einen finden, der sie über die kritischen Stunden in der Schulzeit rettet. Ich weiß, erlaubt ist es nicht, fair ist es auch nicht, und letztlich – so heißt es – schadet man sich selbst damit. In meinem Fall kann ich das weder bestätigen noch dementieren. Was ich aber weiß: Wo Geschichten spuken, haben Zahlen keine Chance. Wo die Leidenschaft nicht ist, da gibt es auch keine Leistung. Und wo nicht mit Leidenschaft gelehrt wird, da wird auch keine Leidenschaft der Lernenden geweckt. Und wo Dissertationen ein Eintrittsgeld zu gewissen „B“-Kreisen darstellen, und nicht aus dem Bedürfnis des Autors entstehen, da findet sich auch Falschgeld. Nehmen wirs gelassen, uns wundert eh nichts mehr.

Nun also, ich habe abgeschrieben, allerdings mit Einverständnis des Urhebers.
Und das ist vielleicht nicht ganz so verwerflich, als wenn ich es heimlich gemacht hätte. Im Nachhinein habe ich 70 % von dem, was angeblich so wichtig war, nie wieder gebraucht. Und wenn ich Bilanz ziehe, dann ist es schlicht so, dass ich die wichtigsten Dinge, die man im Leben wirklich braucht, nicht in der Schule, sondern im Leben selbst gelernt habe. Ganz ohne Langeweile und Verweigerung. In aufregenden Jahren des Ausprobierens, des Suchens, des Scheiterns und des erfolgreichen Seins. Und obwohl diese Schule des Lebens mich immer noch schult, wird sie von Tag zu Tag spannender und präsentiert mir immer Neues. Ganz ohne Hausaufgaben und ohne, dass ich jemals das Bedürfnis hatte, noch einmal irgendwo abschreiben zu müssen, um den Ansprüchen und Maßstäben gerecht zu werden, die andere an mich stellen.

Noch einmal meinen aufrichtigen Dank lieber K.H.
Herzliche Grüße
gcroth

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