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Sonntag, 10. April 2011

Als noch Dampfer auf der Ems fuhren

Bei der roten Tonne
von Johann Beerens, Am Ehrenmal 1, 26802 Moormerland Tergast


Heizer Karl hat noch einmal fix Kohlen ins Feuer geschaufelt. Dicker schwarzer Qualm ringelt sich aus dem Schornstein. Mit halber Kraft schlängelt sich die ELEONORE, ein 4.500 BRT-Dampfer, über die Ems. Zwar ist das Fahrwasser durch schwarze und rote Tonnen gut gekennzeichnet, doch die Steinhöften, die Sandbänke und Fischernetze ragen manchmal soweit in die Ems, dass ein großes Schiff  schnell anecken kann. Als der Heizer an Deck ankommt, kann  er schon backbords voraus die Lichter von Oldersum sehen. Nun muss die Tonne 94 bald kommen. Karl weiß, dass sie direkt am Hatzumer Sand liegt. Bei Niedrigwasser ist der abgelagerte Sand gut zu erkennen.

Foto: Rote Tonne, J.Beerens, Tergast
Noch einen Zug am Glimmstengel, dann tritt Karl an die Brüstung. Unter dem Rettungsboot an der Reling liegt ein großer, wasserdichter Sack. Einige Kilo Tee, ein Päckchen Kaffee und viele Stangen Camel und Lucky Strike sind drin. Als Beschwerung hat er Steine und Eisenstücke dazu gepackt. An einem Seil hängt ein kleiner grüner Ball. Er soll als Boje dienen, wird im unruhigen Wasser der Ems nicht weiter auffallen.

Es dauert nicht lange, da schwimmt die rote Tonne an der ELEONORE vorbei. Sie ist trotz der Dunkelheit noch gut zu erkennen, zumal das Mondlicht auf ihrem nassen Mantel glitzert.  Karl schaut sich noch einmal um, prüft besonders, ob der Lotse auch auf der Brücke steht. Alles klar.  Karl schiebt den Sack vorsichtig an die Bordwand, und während er sich eine neue Zigarrette anzündet, klatscht der Sack samt Ware aufs Wasser. Der Heizer klettert zurück in den Maschinenraum  -  noch eine Stunde bis Leer. Gegen Mitternacht kann er zu Hause in Rorichum sein.


Mit kräftigen Ruderschlägen bringt Karl am nächsten Morgen sein Boot aus der Oldersumer Sielmuhde. Noch ist Ebbe.  Sein Fahrzeug wird von der Strömung gezogen. Gleich kippt die Tide, und als er die Ems erreicht, setzt auch schon die Flut ein. Ein leichter Nieselregen benetzt sein Ölzeug, doch das macht dem Seemann nur wenig.  Im Boot hat er zwei Angelruten mit dickem Regenwurmknäuel. Bei solch' einem Wetter gibt es sicher auch Aale. Nach etwa einer Meile hat er die Reitinsel, den Hatzumer Sand, erreicht. Diese Insel ist durch Aufschwemmen des Emssandes entstanden, es wächst nur Schilf und Reit darauf. Noch ist auch der vorgelagerte Sandrücken zu sehen, der jedoch bald überspült sein wird.

Karl wirft zwei Anker aus. Er hat die 94 passiert und legt sich unweit der Inselnase fest. Hier muss der Aal wohl laufen, denkt er, während seine Augen schon mal das Wasser nach dem grünen Ball absuchen. Ja, dort, nur zwanzig Meter entfernt, tanzt das kleine runde Ding auf den Kabbelwellen, die die leichte Brise erzeugt.

Genug, er muß ohnehin noch drei bis vier Stunden warten und die Bewegungen auf dem Deich beobachten. Dort könnten auch Zöllner aus Ditzum oder Jemgum postieren. Ein Polizei- oder Zollboot kann er von seinem Liegeplatz rechtzeitig ausmachen. Also verbindet er das Nüztliche mit dem Notwendigen und badet zunächst einmal die Würmer. Sakra, was war das? Er holt auf - ein dicker Aal schlängelt sich in seinem Boot. Das geht nun die ganze Zeit. Er hat kaum Ruhe, seine eigentliche Aufgabe, nämlich den Deich zu beobachten, zu erfüllen.  Das ist ein Tag, denkt er, eine gute Mahlzeit Fische im Boot und ein ansehnlicher Nebenverdienst in Reichweite auf dem Grund der Ems.  Ein oder zwei Schleppzüge quälen sich durch die engen Emsschleifen bergwärts. Ein Motorboot kämpft gegen den Flutstrom an ihm vorbei. Auf dem Deich weiden einige Schafe - Menschen sind nicht zu sehen.

Karl hat es so eingerichtet, dass sein Boot, während er die Anker hievt, an den kleinen Ball herantreibt. Er schlägt das Seil mit einem Palsteek am Poller fest und legt sich dann wieder in die Riemen. Nach einem festen Ruck, der Sack war wahrscheinlich schon vom Sand eingespült, lässt sich seine 'Beute' leicht ziehen.  Es ist jetzt bei Hochwasser ein Leichtes, um die Insel herumzukommen und zwischen Insel und Deichvorland bei Woltersterborg den Sack ins Boot zu ziehen. In einem Priel versteckt er die Ware und rudert gemütlich  wieder zum Oldersumer Siel.

Es ist abends nur ein kleiner Weg mit dem Fahrrad. In Rorichum hat er seine Abnehmer zu einer Koppke Tee eingeladen. Seine Frau hat extra einen Kuchen gebacken. - Am nächsten Morgen muss Karl auf der ELEONORE die Kessel anheizen, mit der Ebbe soll der Dampfer auslaufen. Als sie die Tonne 94 passieren und an Oldersum vorbeisteamen, stehen seine Freunde auf dem Deich und winken „... bis zum nächsten Mal und bring man gut wieder was mit.“

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