Van Dit un Dat un over Minsken un hör Wark in Ostfreesland. Aber ok 'n bietje Gedöns un Saken van Nahbers

Sonntag, 9. Oktober 2011

Dat eerste Mal - upschreven!

Eine Geschichte von Johann Beerens aus seinem Buch „21 Geschichten auf hoch un platt“

Dat eerste Mal - upschreven
Wo was dat nu ok noch man - dat eerste Mal? De eerste Duutje in Steenpattje of de eerste Zigarettje achter Diek? Dat eerste Mal Lievberöhren? - Nee, dat is to intim. Ik vertell mal, as ik to 't eerste Mal upschreven wuur. Achter uns de tweede bit veerde Schooljahr, un an anner Kant de Groten.
„Nu laat uns man unse Lüttjen mit 'n Leedje begröten,“ meent Kurt, so nömden de Groten hör Meester. De namm sien Violine ut 'n Kasten un gaff de Ton an. „Nee, Geerd, du bliffst still, du knuurst mi to leep,“ sä he un fung noch 'n Mal an to geigen.

Nu mussen wi Neijen vörsingen. De Wichter wussen wat van „Hänschen klein..“, Theo sung „Hoppe, hoppe Reiter ...“ un Hermann? Dat wee'k neet mehr. Mien Moeder harr mit mi övt „Kommt ein Vöglein geflogen..“, wat ik dann ok mit mien helle Kinnerstimm vördragen dä.
Wi wassen tosamen fief, de an disse Maandag in de enge Banken van uns lüttje School bi d' Kark to sitten kwemen. Lisa und Ida, de beide Wichter, an't Fenstersied. Theo, Hermann un ik an d' Middelgang bi d' Meester. Wi satten heel vörn.

„Kikerikiiiee!“ „Kikerikiieee! reep de Hahn dör de Törfluk.
Fief rotwitte Pepermüntenslickerstangen flogen nadaal. Elk kreeg een. Mmm, wassen de lekker.
„So is dat alltied bi uns,“ sä Sini van 't Bovenstuuf, „as een wat Moijes seggt of vördraagt hett, kreiht de Hahn un smitt wat to slickern nadaal.“ Dorbi smüsterlacht se stillkes, un de anner Groten gniffeln vör sück hen. Mi un mischiens de anner Lüttjen full dat gar neet up. Wi harrn ja ok 'n heele bülte to doen mit de Slickergoed.
„Nu willn wi kieken, of ji ok all up jo Lei malen könnt,“ unnerbrook Meester. Ik harr 'n heele neeje Skrievtafel van mien Oma kregen mit 'n Swamm un 'n sülstgebreide Wiskelaap dran. Bi Theo gierde de Griffel all over 'd Lei. Lisa kunn 'n Paaskeei teken und Ida schwierde mit hör Griffel up un daal. Bloot Hermann, de satt dor as 'n begoten Skaapbuck.
„Hest du kien Tafel?“ wull Kurt weten. „Nee, ik mutt de mit mien Broer delen, un de is vandage mit mien Vader up Land.“
„Kiekerikiiiieee! Kiekerikie!“ reep de Hahn, „ok för Hermann all. Ik koom futt mit de Lei.“ Weer floog wat hendaal, dittmal was 'n dat 'stückofwatt Küssenjes, de wi achter Kusen steken dürsen.

„Meester, musst ok noch Törf hemmen?“ froog de Hahn ut de Bönluuk. Dat was doch Bühl, Hermanns Broer, de dor as Hahn kreihn dä?
„Nu is eerst Paus. Is moi Weer, gaht man all na buten.“
Gaff 'n bietje Gewöhl in 't Portal. Jacken un Polen wuurn söcht, man dann gung 't up Schoolplatz. De Groten föhren hör Völkerballspöl wieder. De annern wassen an ballkern of knickern. Wi van de eerste Jahrgang wussen noch neet recht, wat to moken weer. Dor kweem Bernd Bühl. He harr 'n paar swarte Hannen, wiel he noch Törf van Bön gooit harr.
„Meester hett die upschreven,“ sä he to mi.

Ik weet neet mehr, wat dor in mi vörgahn dä. Eerst was dat müskenstill um mi. Mien Mundje mutt wall heel skeev waarn wesen. „Maak di d'r nix ut,“ meent Bühl noch un gung na de Ballspölers. Dor kullert de eerste Traan over mien Wang. „He fangt an to brulen,“ lachde Theo. Do was dat ok ut mit mien Dapperkeid. Ik sloog mien Hannen vör d' Ogen, ik kunn mien Tranen neet torügg hollen. Upschreven was ik? Worum dann?
„Laat di neet van Schandarm kriegen, de schrivt die futt up,“ harr mien Vader mal seggt, as ik mit mien Roller over 't Karkpad fohren was.
Un nu was ik upschreven. Neet van Schandarm, man van Meester. Mien Blarren wuur feller un luter. Dor hull mi nümms mehr. Ik smeet mien Pool v'grellt achter mi un leep, so gau ik kunn, dör 't Steenpattje und dann over 't Sömmerweg na Huus.
Foto: Johann Beerens, Tergast
„Wat is p'seert, hett di well hauen?“ froog mien Moeder verdattert, as se de Schnött un Quiel van mien G'sicht wisken dä. Se namm mi in Arms un drückde mi an hör Bost. Dat dürs noch 'n heele Tied, bitt mien Snückern stiller wuur. „He hett .. he hett mi ...“ fung ik an to stüttern, „he hett mi upschreven.“ Nu gung Vader 'n Lücht up, de sien Hamer up Amboß leggt harr un dorto kweem. „Och, mien Jung, du büst 'n Schietbüdel. Meester hett die seker bloot upschreven, wiel du gien Schoolmelk bruukst. Wi hemmen ja sülmst Schapen, dor kriggst du elker mörgen dien Melk mit na School.“

Mien Moeder gung mit mi nah't School torügg un verklaarde Kurt, worum ik weglopen was. Was ok ja dat eerste Mal, dat ik upschreven wuur.


Für alle, die sich mit der plattdeutschen Sprache noch schwer tun, liefert Johann Beerens die Übersetzung ins Hochdeutsche gleich mit:

Das erste Mal - aufgeschrieben
Wie war das auch noch man – das erste Mal? Der erste Kuss im Steenpatt oder die erste Zigarette hinterm Deich? Das erste Mal Liebe? – Nein, das ist zu intim. Ich erzähle mal, als ich zum ersten Mal aufgeschrieben wurde. Hinter uns das zweite bis vierte Schuljahr, an der anderen Seite die Großen.
„Nun lasst uns eben die Kleinen mit einem Liedchen begrüßen“, meinte Kurt, der Lehrer. Er nahm seine Geige aus einem Kasten und gab den Ton an. „Nein Gerhard, du bleibst still, du knurrst mir zu schlimm“, sagte er und begann noch einmal zu geigen.

Jetzt mussten wir Neuen vorsingen. Die Mädchen wussten was von „Hänschen klein…“, Theo sang „Hoppe, hoppe Reiter …“ und Herrmann? Das weiß ich nicht mehr. Meine Mutter hatte mit mir geübt. „Kommt ein Vogel geflogen…“ was ich dann auch mit meiner hellen Kinderstimme vortrug.
Wir waren zusammen fünf, die an diesem Montag in den engen Bänken von unserer kleinen Schule bei der Kirche zu sitzen kamen. Lisa und Ida, die beiden Mädchen, an der Fensterseite. Theo, Herrmann und ich am Mittelgang beim Lehrer. Wir saßen ganz vorne.
„Kikerikiiiee!“ „Kikerikiieee! rief auf einmal der Hahn durch das Torfloch.
Fünf rotweiße Pfefferminslutschstangen flogen runter. Jeder bekam eine.

So ist das immer bei uns,“ sagte Sini von der Oberstufe, „wenn einer was Schönes sagt oder vorgetragen hat, kräht der Hahn und wirft etwas zum Schlickern runter“ Dabei schmunzelte sie und die anderen Großen lachten still vor sich hin. Mir und den anderen Kleinen fiel das gar nicht auf, wir hatten ja auch sehr viel zu tun mit unserem Schlickergut.
„Jetzt wollen wir sehen, ob wir auch schon auf der Schiefertafel malen können,“ unterbrach der Lehrer. Ich hatte die nagelneue Schreibtafel von meiner Oma bekommen mit einem Schwamm und einem selbstgestrickten Wischlappen dran. Bei Theo quietschte der Griffel schon über die Schiefertafel. Lisa konnte schon ein Osterei reichnen und Ida schweifte mit ihrem Griffel auf und runter. Nur Hermann, der saß da als ein begossener Schafsbock. “Hast du keine Tafel?“ wollte Kurt wissen. „Nein, ich muss mit meinem Bruder teilen, und der ist heute mit meinem Vater auf dem Acker.“
„Kiekeriikiiee! Kiekeriie“ rief der Hahn, „Auch für Hermann welche, ich komme gleich mit der Schiefertafel.“ Wieder flog was runter, dieses Mal waren das viele Bonbons, die wir uns in den Mund stecken durften.
„Herr Lehrer, musst du auch noch Torf haben?“ , fragte der Hahn aus der Bodenluke. Das war doch Bühl, Hermanns Bruder, der dort als Hahn krähte?
„Jetzt ist erst Pause. Es ist schönes Wetter. Geht alle nach draußen.“
Es gab ein wenig Gedränge im Portal. Mäntel und Mützen wurden gesucht, dann ging es auf dem Spielplatz. Die Großen spielten ihr Völkerball weiter, die anderen spielten mit Bällen oder Knicker (Murmel). Wir von dem ersten Jahrgang wussten noch nicht recht, was wir machen sollten. Da kam Bernd Bühl. Er hatte schwarze Hände, weil er Torf vom Boden geworfen hatte.
„Lehrer hat dich aufgeschrieben,“ sagte er.
Ich weiß nicht mehr, was in mir vorging. Zuerst war alles mäuschenstill. Mein Mündchen war wohl etwas schief geworden. „Mach dir nix draus“, meinte Bühl und ging zu den Ballspielern. Die ersten Tränen liefen über meine Wangen. „Er fängt an zu weinen“, lachte Theo. Da war das aus mit meiner Tapferkeit. Ich schlug meine Hände vor meine Augen, ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Aufgeschrieben war ich. Warum denn?
Lass dich nicht von der Polizei schnappen, die schreiben dich gleich auf,“ hatte mein Vater einmal gesagt, als ich mit meinem Roller über den Kirchpfad gefahren war.

Und nun war ich aufgeschrieben. Nicht von der Polizei, aber vom Lehrer. Mein Weinen wurde mehr und lauter. Da hielt mich niemand mehr. Ich warf meine Mütze ärgerlich hinter mich und lief, so schnell ich konnte, durch den Steinpfad und dann über den Sommerweg nach Haus.

„Was ist passiert? Hat dich jemand gehauen?“ fragte meine Mutter aufgeregt, als sie die Rotze und die Tränen aus meinem Gesicht wischte. Sie nahm mich in ihre Arme und drückte mich an ihre Brust. Es dauerte noch eine Weile, bis mein Wimmern stiller wurde. „Er hat mich …“ fing ich an zu stottern, „er hat mich aufgeschrieben.“ Jetzt erinnerte sich mein Vater, der den Hammer auf den Amboss abgelegt hatte und dazu kam. „O, mein Junge, du bist ein Bangbüx. Der Lehrer hat dich sicher bloß aufgeschrieben, weil du Schulmilch brauchst. Wir haben ja selber Schafe, du bekommst ja jeden Morgen deine Milch mit zur Schule.“


Meine Mutter ging mit mir zur Schule zurück und erklärte Kurt, warum ich weggelaufen war. War ja auch das erste Mal das ich aufgeschrieben wurde.

Aus meinem Buch
Einundzwanzig Geschichten auf hoch und platt - up platt un hoch
208 Seiten, ISBN 978384 236280 = 19,40 €

Kommentare:

  1. Tolle Geschichte...
    ...ich bin früher (Anfang der 70ger) auch in Ostfriesland (Neudersum/Wymeer) zur Grundschule gegangen!
    ...auch da wurde noch Klasse 1 bis 4 in einem Raum unterrichtet!

    Uwe

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  2. Oh jeh, du hast mich abgehängt. Gibt es auch eine Art Übersetzung? Wenn ich das Lese, fällt es mir unheimlich schwer zu verstehen. Beim Hören fällt es mir leichter.

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