Van Dit un Dat un over Minsken un hör Wark in Ostfreesland. Aber ok 'n bietje Gedöns un Saken van Nahbers

Montag, 21. November 2011

Drachen steigen lassen in Ostfriesland

Herbst – Zeit zum Drachensteigen.
Von Johann Beerens, Tergast


Es geht hinaus aufs Feld
Wenn das letzte Fuder Heu im Gulf lag, wenn der Wind über die Stoppel fegte, wenn die Kartoffelfeuer abgebrannt waren, wenn das Spielen draußen zu ungemütlich wurde, - dann besannen sich im Herbst die Jungen (manchmal auch Mädchen) auf ein beliebtes Spiel – den Drachen steigen lassen.

Selbstverständlich bastelte man ein solches Fliegzeug selbst. Eine alte Planke wurde entlang der gewachsenen Jahresringe gespalten. Das ergab zahlreiche, wenn auch manchmal krumme Leisten. Doch sie waren stabil und konnten schon einen ‚Absturz’ aushalten, ohne gleich zu Bruch zu gehen. Eine längere und eine etwas kürzere Leiste wurden zu einem Kreuz zusammengefügt (geklebt, gespiekert). Dabei war darauf zu achten, dass die kleinere Leiste gleichmäßig befestigt  war, es musste schön Waage bleiben.  Das Kreuz wurde mit einem dünnen Band – wenn man hatte Bohntjeband – umspannt. damit war das Drachengerüst fertig.


Als Papier eignete sich am besten Pergamentpapier, das war vor allem so schön durchsichtig, aber auch teuer. Und es riss schnell entzwei. Es genügte auch das starke Papier eines Körner- oder Mehlsacks (beim Müller zu bekommen). Das lag vier oder fünf Lagen übereinander, eine Tüte reichte also für mehrere Drachen. Das Papier musste nun an dem Kreuz befestigt werden. Da fertiger Leim meistens fehlte, rührte man Weizenmehl, noch besser Kartoffelmehl, zum Kleben an. Das Papier wurde entlang des Bandes am Kreuz  zuerst etwas eingekerbt und dann verklebt.

Große Künstler bemalten den Drachen mit einem Gesicht oder einer Grimasse, einem Kuhkopf mit Hörnern, einem Indianer mit gewaltigen Federn, einem Piraten mit schwarzer Augenbinde oder ähnlichem. Dann musste noch ein ‚Steert’ her. Dazu nahm man Zeitungspapier, wickelte davon Streifen oder Schleifen und knotete diese an einem langen Stück Schnur.

Der Drachen erhält ein Gesicht
Jetzt ging es hinaus aufs Feld. Einer wickelte das Halteseil ab(meistens wieder Bohntjeband), der (die) andere hielt das Fliegzeug in 20 oder 40 Meter Abstand in den Wind.  War der Wind zu schwach, musste der Erste ein Stück laufen. Schon bald füllten sich die Backen des Drachens wie bei einem Segel mit Wind, und schon war er nicht mehr zu halten. „He flüggt, he flüggt“ riefen sich die Kinder zu und schauten begeistert in die Luft. Da wackelte er hin und her. Lenken, wie das heute mehrfach der Fall ist, konnte man ihn noch nicht.  Stand der Drachen konstant und fest, wurden ihm Kartengrüße geschickt. Kleine oder größere Zettel wurden auf das Halteseil geschoben. Mit dem Wing flogen sie dann hinauf zum Papiervogel.
Manchmal gab es auch ein ‚Unglück’. Bei zu starkem Wind und einem zu kurzen Steert überschlug sich der Vogel, machte Kapriolen, tanzte auf und nieder, war kaum zu bändigen, schmierte einfach ab und stürzte schließlich zu Boden. – War die Schnur feucht geworden und riss, flog der Drachen davon, um dann irgendwo zu landen. Wenn sich das Band nicht verheddert hatte, war’s kein Problem, sonst musste Neues beschafft werden, nicht immer leicht.

Es gab auch bestimmte Regeln. Im Krieg war das Drachensteigenlassen quasi verboten, doch darum kümmerten sich die zukünftigen Jagdflieger wenig. Später hieß es, die Schnur dürfe nicht länger als 100 Meter lang sein. Doch wer konnte sich schon 100 m Bohntjeband leisten? Auch durfte die Schnur keine Metallfäden enthalten. 1969 sorgte eine Luftverkehrsordnung für Unruhe. Doch weil meistens ohnehin alle Bedingungen erfüllt wurden, hatte diese für die kleinen (oder größeren) Kinder keine Bedeutung. Inzwischen gibt es organisierte Drachenfeste mit zahlreichen und abwechslungsreichen Gebilden, die mit den selbstgebastelten Windvögeln nichts mehr zu tun haben.


Aus meinem neuen Buch:
Von Neujahr bis Silvester: Brauchtum und Tradition im Jahreslauf

268 Seiten, viele Bilder, ISBN-Nr.: 978383 7079678,  kostet  29,60 €

Aufnahmen: Johann Beerens, Tergast.

1 Kommentar:

  1. Wie schön! Ich erinnere mich auch noch daran. Mein Vater hat beim Bau des Gerüstes geholfen, und die Papierschleifchen haben wir selbst gemacht. War gar nicht immer so einfach, diese Drachen nach oben zu bekommen.

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