Van Dit un Dat un over Minsken un hör Wark in Ostfreesland. Aber ok 'n bietje Gedöns un Saken van Nahbers

Sonntag, 8. Januar 2012

Es lag kein Stein mehr auf dem anderen ...

Als Einstieg in das neue Jahr hat mir der ostfriesische Autor Johann Beerens wieder einen Auszug aus einem seiner Bücher geschickt.

Es handelt sich um einen fast 70 Jahre alten Brief aus seinem Buch „Arne auf der Suche nach Störtebekers Schatz“. Er lässt uns hautnah einen kleinen Augenblick Zeitgeschichte aus Emden miterleben.
Auch ich habe meine Eltern oft von diesem Tag, dem 6 September 1944, erzählen hören. Der Tag, an dem in einer halben Stunde das alte Emden fast völlig zerstört wurde und die meisten Emder alles verloren haben.

Wer überlebte besaß nicht mehr, als das, was er gerade bei sich trug. Diese Nacht hat sich tief in die Seelen der alten Emder gebrannt.



Blick v.alten Emder Rathaus v. d. 2. Weltkrieg - satzstudio roth
Blick vom neuen Emder Rathaus 2007 - satzstudio roth

Der  schlimme  Liebesbrief
Von Johann Beerens, Tergast
Pewsum, den 15. September 1944
Mein libber, leeve Jan,

Du sallst wall Dich wunnern tun, daß ich Dich nu aus Pewsum schreibe, wo wir doch zwei Emder Kinner sind und hier zusammen aufgewachsen sind.
Ja, dor sitt ik nu. Nee, du meinst sicher, ich bin mit die BDM-Mädels einen „Kraft-durch-Freude-Ausflug“ machen. Wenn dat man all Freude weer, was ich Dich erzählen muß,, man das ist was ganz schlimmes.
Mein lieber Jung, das is so viel Unglück passiert in de lesste Tied, und darum kriggst Du nu ok Post ut Krummhörn. Sicher hast Du auf Börkum auch gemerkt oder erfahren, daß letzte Woche wieder ein Luftangriff auf Emden passiert is. Die Fliegers von den Tommis und Ammis flogen man allmanweg über de Dollard up Emden zu und taten über die Stadt die Bomben abwerfen. Das knallte und grummelte den ganzen Nachmittag und abends  tat da eine dicke, schwarze Rauchwolke übers Land ziehen.

Ich war mit meinen Eltern in unseren Bunker geflüchtet. Der Blockwart hat alle, die wohl noch helfen und löschen konnten, wieder rausgeholt. Ich mußte auch mit. Es war schrecklich. Alle Häuser waren in Brand, viele lagen schon platt und  in anderen taten die Feuer man so hoch lodern, so schrecklich,, das habe ich noch nie gesehen.   Und dazwischen rumste und bumste das immer weer, wenn die Bombers ganz dicht über unsere Köpfe langs sausten und wieder solche bösen Dinger auf unsere Köpfe  smeeten. Ich hatte ganz swarte Hände und Arme und mein ein Zopf ist halb versengt.

Erst gegen Abend konnten die anderen auch aus dem Bunker. Was sie zu sehen krichten war ganz fürchterlich und traurig. Alle Häuser in unserer Straße sind beschädigt, bei einigen stehen nur noch die Mauern, die ganz swart vom Rauch geworden sind, und viele sind auch ganz eingestürzt. Das alles war schon schlimm genug, man das Grausen kam ja noch. Nicht alle Menschen hatten sich zum Bunker retten können, es gab viele, viele Verwundete und auch einige Tote. Auch von den Helfern, da waren sogar welche dabei in Hitlerjugend- und  BDM-Uniform, wurden viele verwundet oder getötet. Igittegitt, das tat manchmal recht gräußlich aussehen.

Als meine Eltern aus dem Bunker kamen, haben die mich zuerst gar nicht erkannt, so zerzaust und zerschunden sah ich aus.Wir sind dann zu unserem Haus und wollten etwas essen - man o Graus, auch unser Haus war platt - wir konnten es  erst gar nicht finden. Mutter und Vater sind zusammengebrochen und wurden weggebracht mit einem Militärwagen. Sie sind jetzt in der Lüneburger Heide in einem Krankenhaus.

Ich war am nächsten Tag auch in der Freiligrathstraße. Dort sieht es noch furchtbarer aus. Die Menschen dort krabbelten über die Trümmer und Steinhaufen. Sie versuchten, die verkohlten Balken und Bretter zur Seite zu ziehen, um vielleicht noch etwas  unter den Steinbrocken zu finden. Das Haus Nr 15 , wo Du ja wohnst, ist auch kaputt, aber es steht noch. Nur das  Dach ist ab, die Fenster mit Pappe zugenagelt, die Tür verriegelt. Wo Deine Eltern sind, konnte ich nicht erfahren. Es ist ja alles so ein Dörrnanner. 78 Prozent von ganz Emden soll zerstört sein, auch de Groode Kerk und unser schönes Rathaus - is allns kött un platt.
Mit einer anderen Familie und einigen Mädchen vom BDM bin ich nach Pewsum gebracht worden. Die Fahrt über der holprigen Straße war gerade kein Vergnügen. Nach den Strapazen des Bombentages taten mir sowieso alle Knochen weh. Aber nun geht es wieder.

Ich habe hier in der Burg herumgestöbert und kam dabei auch in einen dunklen Keller. Pfui, da hing es voll von Spinnweben, und stauben tat das da, ganz furchterbar. Man dann sah ich viele, viele Bücher, die dort im Regal stehen oder auf einem Tisch liegen. Du weißt ja, daß ich gerne lese, man von den alten Schinken konnte ich doch nichts gebrauchen. Es waren hauptsächlich Bücher über Medizin und so'n Gelehrtenkram.
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Man dann tat ich etwas ganz besonderes finden, ich glaube es ist was für Dich, weil da etwas von Störtebeker und von Borkum, wo Du nun ja schon lange stationiert bist,  drinsteht - mehr kann ich davon auch nicht lesen. Ich schicke Dir das Büchlein einfach mal zu, aber Du mußt mir versprechen, daß Du es zurück gibst. Vielleicht kannst Du dann auch die anderen Bücher durchsehen, ob Du davon etwas gebrauchen und Dir ausleihen kannst. Wenn Du wieder am Gymnasium Dein Steckenpferd, die ostfriesische Geschichte, behandelst, wirst Du sicher gerne auch so alte Bücher lesen.

Nun muß ich Dir noch etwas sagen. Ich habe mich freiwillig gemeldet als Flakhelferin. Ich muß doch auch etwas für unseren Führer tun, damit der Krieg bald gewonnen wird. Am liebsten würde ich ja auch nach Börkum kommen. Vielleicht würde ich dann ja in Deiner Kompagnie sein und wir würden immer nahe beisammen sein. Man der Feldwebel auf dem Wehramt hat gesagt, daß an der Ostfront mehr Helferinnen gebraucht werden. Ich denke, daß ich nächste Woche einberufen werde.

O, mein libber Jan, ich liebe Dich so sehr. Ich tu immerzu an Dich denken und  sehne mich danach, daß Du mich wieder in Deine Arme schließt. Wenn der Krieg aus ist, können wir sicher auch bald heiraten und Kinder kriegen. Sei Du man schön vorsichtig, damit die Tommis Dein Flakgeschütz nicht treffen tun.

So, Du alter Seeräuber auf Borkum, nun muß ich Schluß machen. Ich tu Dich ganz viele Küsse schicken.  Ich liebe Dich.
     Deine Antje


Aus dem Buch:
„Arne auf der Suche nach Störtebekers Schatz“ – zwei Freunde suchen in den Dünen und in der Stadt Borkum den Schatz des Kühnen und lernen dabei sowohl die ostfriesische Geschichte als auch die Insel Borkum kennen.
Das Buch hat 215 Seiten und ist bebildert. ISDN Nr. 388761 – 063-3 ,
Es kostet 5,00 € ist bei Johann Beerens, Am Ehrenmal 1, 26802 TERGAST erhältlich.




Allen Ostfrieslandfans empfehle ich zu diesem Thema einen
Besuch im Emder Bunkermuseum
Hier findet sich eine beeindruckende Sammlung Emder Zeitgeschichte.
Ab 1. Mai wieder geöffnet:
Di. - Fr. 10 bis 13 und 15 bis 17 Uhr
Sa. und So. 10 bis 13 Uhr).
Ein Infoflyer des Bunkermuseums in Emden kann hier heruntergeladen werden.

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